roter schal, unregelmäßig gestrickt, rand läuft schief zu, maschen haben knoten, knubbel und löcher

der rote schal

der rote schal ist ein relikt aus zeiten, als es sichtbar begann – mit der demenz meiner tante. sie hatte jahrelang vor dem fernseher sitzend blind stricken können und verfertigte einen schal, eine babydecke nach der anderen – endlos scheinende, einfache, aber gleichmäßig, ohne hinsehen oder nachdenken zu müssen, mit leichten fingern genadelte maschen. als wir die wohnung nach dem umzug meiner tante ins heim auflösten, fand ich den roten schal, ein angefangenes strickwerk. vielfach war der faden ihr gerissen, die lose enden hingen ratlos heraus. knoten und knubbel, unbeabsichtigte große löcher, bei denen alles immer noch mehr außer kontrolle geraten zu sein schien, fanden sich. der rand des schals hatte sich auf einer seite immer mehr ein eigenleben in einem unparalleluniversum zugelegt.

ich nahm das angefangene strickzeug mit zu mir, wollte diesen schal als erinnerungsstück behalten und benutzen. dies war die letzte handarbeit, die sie erstellt hatte. ich hatte vor, den schal so „unvollkommen“ zu lassen, als eine übung, an meinem eigenen drang/zwang zur rechtwinkligkeit etwas zu ändern, mich zu erweitern, zu lernen.

immer wieder sah ich auf den schal, nahm ihn in die hand. ich konnte aber die großen löcher, die meiner tante hineingeraten waren, nicht aushalten. zum einen kam ich einfach nicht über diese innere hürde, ich konnte selbst soviel unordentlichkeit nicht aushalten, so sehr ich auch versuchte, mich innerlich zu erweitern.

und zum anderen waren diese großen löcher in diesem moment zu sehr ein schmerzliches sinnbild dessen, was die krankheit demenz zu diesem zeitpunkt gerade in ihrem leben anrichtete. neben manch anderem, vielleicht auch schönen, bunten, hinterließ sie für mich eine schneise des verlustes. es fühlte sich an, als ob meine tante immer mehr verlor und verloren ging.

schließlich nahm ich eine korrektur vor. ich ertrug es einfach nicht, diese großen löcher durften nicht sein. knoten, knubbel und der rand, der machte, was er wollte, waren das äußerste, was ich in dem moment aushalten konnte. ich drehte also die geschichte des schals zurück, ribbelte ein großes stück wieder auf und strickte es gerade zuende, bis der schal eine länge bekommen hatte, mit der ich ihn benutzen konnte.

das schiefwinklige tuch mit seinen unebenheiten wärmt mich heute manchmal.

die fraßspur, welche die demenz hinterläßt, wird breiter und länger. selbst die zeiten, als meine tante noch sprach oder irgendein zeichen des erkennens zeigte, wenn ich sie besuchte, sind lange vorbei.

die zeiten von verlegen, vergessen, verkennen liegen endlos weit zurück, auch sie sind mittlweile eine andere vergangenheit.

schon lange habe ich keine möglichkeit mehr, eine reaktion anzustoßen oder absichtlich auszulösen – obwohl die ohren meiner tante intakt sind, bleibt inzwischen fast jegliche reaktion auf ansprache, geräusche aus. selbst durch eine berührung kann ich keinerlei für mich wahrnehmbare reaktion bei ihr auslösen, selbst unwillkürliche bewegungen (wie ein zucken, entspannung, abwehr…) sind für mich nicht mehr zu erkennen.

das ausbleiben selbst von unwillkürlichen reflexen (wie bei einer berührung) hebelt für mich alle regeln von kommunikation und kontakt aus. es überfordert mich, denn ich weiß nicht, was ich dann eigentlich bei einem besuch „tun“ kann oder will. stark ist der impuls, daß doch irgendwas passieren muß, ich etwas machen kann, noch irgendeine regel gilt.

lange habe ich versucht, auf irgendeine art doch noch ein zeichen dafür zu bekommen, daß meine anwesenheit für meine tante wahrnehmbar ist. ich hätte ihr am liebsten etwas angenehmes mitgebracht oder ihr mit irgendetwas gern eine freude gemacht. zumindest möchte ich doch vermeiden, sie zu stören oder ihr unangenehm sein. immer wieder wirft mich die konfrontation mit diesem unparalleluniversum aus der bahn und verunsichert mich. groß ist das bedürfnis nach einem zeichen, daß ich noch eine existenz habe für sie in diesem moment. wer bin ich, wenn es kein echo gibt?

noch immer habe ich keine form gefunden, die besuche im jetzt zu gestalten. ich beobachte mich. die zeit bei einem besuch nicht mit irgendetwas füllen zu können, wofür ich irgendeine resonanz, und sei es das kleinste echo fühle, setzt mein koordinatensystem außer betrieb. und je weniger ich das gefühl habe, daß eine verbindung möglich ist, ob es einen unterschied (für sie und für mich) macht, ob ich da bin oder nicht, je schwieriger es für mich ist, dort zu sein, mich, sie, dieses koordinatenloch auszuhalten, desto leichter fällt es mir zu vergessen, daß da dieser mensch, meine tante in ihrer jetzigen art noch ist.

ist es zulässig, ist es richtig, jemand zu liebkosen, wenn ich mich nicht mehr rückversichern kann, daß es gewünscht ist? ist es richtig, jemand zu besuchen, da zu sein, neben dem bett zu sitzen, etwas zu erzählen, etwas zu singen…, wenn ich nicht im geringsten mehr lesen kann, ob dies der person angenehm ist?

als meine tante den schal strickte, als ich ihn fand, als ich meine korrektur an dem roten schal vornahm… nicht im geringsten hätte ich mir damals vorstellen können, daß ich mir einmal solche fragen stellen würde.

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