himmel mit wolkenstreifen und einigen vögeln über einer nordseeinsel

suv’s im naturschutzgebiet

ein schöner ort. eine woche urlaub auf einer kleinen insel in norddeutschland. auf der einen seite ein endlos scheinender breiter heller sandstrand. auf der anderen seite das watt, schmutziggraue matschpampe, die von unzähligen wasservögeln nach nahrung durchsucht wird.
das licht auf der insel verändert sich ständig, es bilden sich bei ebbe eigenartige farbfelder auf dem watt. die landschaft liegt auf der einen seite wie in bunten streifen hintereinander geschichtet und mutet auf der anderen seite mondartig fremd und schön an. ich empfinde die insel als still und unaufgeregt und gleichzeitig spektakulär.

die fährüberfahrt auf die insel war für mich diesmal ein echter schock – stoßstange an stoßstange stand das autodeck voller suv. auch an land sind sie gefühlt überall. ich dachte, entweder menschen fahren so eine riesige spritschleuder und die umwelt ist ihnen egal oder sie suchen die ruhe im naturschutzgebiet. aber ich liege komplett falsch: die welt ist wie üblich komplizierter und vielfältiger als gedacht.

suv‘s sind für mich ein echtes feind-bild: für mich ist ein suv die blechgewordene weigerung, verantwortung für das eigene handeln im angesicht von fortschreitendem klimawandel und naturzerstörung zu übernehmen.
suvs sind groß, brauchen mehr platz, verbrauchen mehr sprit und puffen mehr abgase in die welt als andere autos – deshalb haben sie für mich immer so eine „ist mir doch egal, scheiß-drauf“- anmutung. und ich kann diese liste problemlos um jede menge vorurteile gegen suv-menschen erweitern. die dicken autos sind für mich wie ein metallener körperpanzer, ich unterstelle deshalb, daß die suv-menschen eigentlich ängstlich sind. natürlich sind suv-menschen auch spießig, denn die für jede gefahrensituation, jedes unwetter und jede unbefestigte straße ausgelegten autos scheinen immer frisch gewaschen zu sein und haben nie den kleinsten kratzer im lack…

suv-bashing kann ich also. ist aber zum einen langweilig und bringt mich gedanklich nicht weiter.
zum anderen habe ich eigentlich ein paar vorsätze zum tonfall in amsels blog: hier soll nicht die haltung, sich von anderen abzugrenzen, zu dissen… reproduziert werden. sondern amsels blog will v.a. fragen und versuchen zu verstehen. auch bei dem, was (ver-)stört. amsels blog will nicht einfach mit dem finger auf andere zeigen, sondern sich immer reiben an den eigenen begrenztheiten und diese grenz-erfahrungen untersuchen…

aber es bleibt ein angang. in den ersten versuchen, einen text über die suv-im-naturschutzgebiet-erfahrung zu schreiben, bin ich aus dem impuls, gehässig und abfällig sein zu wollen, nicht heraus gekommen.

auf dem parkplatz neben der unterkunft halten immer wieder etliche suv‘s. hier wird geparkt, wenn menschen ins restaurant nebenan gehen oder noch schnell den blick auf die abendstimmung über dem meer erhaschen wollen. ein bestimmter suv steht fast immer da, er gehört offenbar einem „nachbarn“. auf diesem auto prangt ein aufkleber „dirty diesel“ gefolgt von einer feindseligen, bewußt herabsetzenden beschimpfung von greta thunberg (die ich hier absichtlich nicht wiedergebe. sprache ist macht. ich habe mich entschieden, diesen hass nicht durch wörtliches zitieren ein weiteres mal zu multiplizieren.) das auto und der aufkleber mit seiner pöbelig-aggressiven botschaft sind für mich ganz besonders an diesem friedlichen ort verstörend. schlechte laune, das gefühl, der feind sitzt nebenan und die meinerseits kindisch-aggressive phantasie, in das auto einen großen kratzer machen zu wollen, stellten sich unmittelbar ein.

warum ist es für mich so ein angang, in einem text über suv‘s im naturschutzgebiet nicht in abgrenzung und disserei zu verbleiben? weil ich etwas in meinem kopf nicht zusammen bekomme. für mich paßt suv und naturschutzgebiet nicht zusammen, ich finde das einen politischen und persönlichen widerspruch und ich wünsche mir suv‘s und alle und alles, was dazu gehört, einfach nur weit weg von diesem ort, an den ich gekommen bin, um ungestört ruhe und natur zu genießen.

ich beobachte diesen suv immer wieder aus dem fenster. ich beobachte sogar, wer kommt und geht, um zu sehen, wie die dazu gehörigen suv-menschen aussehen. der verhaßte suv mit dem aufkleber entwickelt für mich zeitweilig eine so starke präsenz, als würde etwas giftiges, böses von ihm ausgehen, selbst wenn er nur leise und still auf dem parkplatz herumsteht: diese blechbüchse ist eine massive, sichtbare störung meines wunschs nach heiler welt im urlaub. schon beim ankommen dachte ich: suv-verbot auf der insel, sofort! diese wuchtbrummen haben dort nichts zu suchen! ich will die da nicht sehen! diese kaputtmacher-autos haben im naturschutzgebiet nichts verloren!

aber genau da ist ein knoten in meinem kopf.

platt gesagt war bisher meine weltdenke so strukturiert, daß suv-menschen tendenziell echt rücksichtslose arschlöcher sind. und ich nahm automatisch an, die rücksichtslosen arschlöcher mögen auch völlig andere dinge als ich. ich hätte nicht erwartet, daß menschen, die sich dafür entschieden haben, viel geld für ein besonders großes und umweltschädigendes auto auszugeben, im urlaub das gleiche schön finden und genießen wie ich, die ich per bahn, zu fuß und mit dem fahrrad reise. und nun suchen sich erstaunlich viele suv-menschen ausgerechnet die gleiche insel wie ich aus, um ausgerechnet dort eine schöne zeit zu verbringen.

da ist der knoten: es gibt etwas, was mich mit diesen menschen verbindet, mit denen ich impulsiv am liebsten nichts zu tun haben will.
der angang ist für mich, einzugestehen, auszuhalten, anzusehen, daß sich meine „suv-feinde“ offensichtlich am gleichen freuen wie ich.
es gibt viele orte, wo man urlaub machen kann. diese insel bietet keine parties, keinen luxus, keine großen möglichkeiten zum shopping und nur in überschaubarem maße wellness- und sonstige verwöhnangebote (all das, was suv-menschen in meiner bisherigen vorstellung vor allem suchen). klar, man kann in vielen restaurants lecker essen gehen. aber es gibt eben hauptsächlich stille, großartige landschaft und viele wasservögel. also kommen sehr wahrscheinlich auch die suv-menschen genau deshalb hierher, suchen die gleiche ruhe und schönheit wie ich.

die suv-menschen können also nicht so völlig anders sein als ich, wie bisher von mir vermutet, behauptet – und gewünscht. mich schockiert das. ich möchte mich nicht in dem erkennen, was mich beängstigt, abstößt, wütend macht. es soll mit mir nichts zu tun haben. und nun muß ich einsehen, daß es eben doch eine verbindung gibt.

aber vielleicht ist das auch eine hoffnung. so wie auch ein feindseliger anti-greta-aufkleber eigentlich ein signal ist, daß jemand etwas gehört hat, was ihn angepiekt hat – und wovon er sich deshalb abgrenzen will. wer die botschaft der klimaschutzbewegung nicht hört, der muß sich auch nicht die ohren zuhalten.

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