das c-wort

amsel ist guter dinge und genießt es, „mit erlaubnis“ fast nur zu hause zu sein, lange spaziergänge allein zu machen und soziale kontakte außer mit dem lieblingsmensch gerade nur virtuell zu pflegen.

dazu muß amsel sagen, daß sie in einer extrem privilegierten situation ist: das einkommen kommt weiter aufs konto, viel zu tun gibt es nicht – und es wird auch nichts erwartet von amsel.
außerdem gehören weder amsel noch die nächsten (außer den eltern, aber die sind brav vernünftig und bislang noch gesund) nicht zu einer risikogruppe und alle sind bislang noch gesund.
amsel lebt an einem ort, wo es alles notwendige um die ecke zu kaufen gibt (neuerdings sogar wieder klopapier) und die ausgangsbeschränkungen im vergleich zu anderen städten noch überschaubar sind.
zudem neigt amsel generell, auch bei gesundheitlichen themen, nicht zu angst und sorge, sondern ist im gegenteil eher mit einem geradezu penetranten optimismus gesegnet.

nach der ersten woche mit dem totalen informations-overload (nachrichten, mails, chats, telefon, arbeit, freund*innen, familie…) gelingt es amsel nun besser, nachrichten & co nicht ununterbrochen zu empfangen, sondern große zeitfenster offline und ohne radio etc. zu verbringen.
das hat entscheidend dazu beigetragen, daß amsel sich wieder besser bei sich und fokussierter fühlt.
kurz: amsel ist in ihrem kleinen paralleluniversum gerade ganz zufrieden.

wenn amsel den blick hebt und über das große C nachdenkt, dann beschäftigen sie zwei themen:

die menschen „am rand“, die durch das soziale netz fallen bzw. als bürger*innen zweiter klasse behandelt werden:

dies betrifft zum einen obdachlose, denen sowohl die offiziellen versorgungsstrukturen (suppenküchen, schlafstube etc.) wie auch ihre verdienstmöglichkeiten abhanden gekommen sind (kaufhäuser zu, fußgängerzonen verwaist, u- und s-bahnen leer) – und die als auf der strasse lebende freiberufler*innen nicht online einen erleichterten antrag auf grundsicherung stellen können.

zum anderen die geflüchteten – bei denen die grundrechte noch viel weiter außer kraft gesetzt werden (stichwort: ganze unterkünfte unter „quarantäne“). zudem wird auf sie das oberste prinzip, was derzeit für alle bürger*innen erster klasse gilt – nämlich maximaler physischer abstand – einfach nicht angewendet: diese menschen bleiben weiterhin in mehrbettzimmern in massenunterkünften eingesperrt, als ob sie sich irgendwie nicht genauso schnell infizieren könnten.
die vorstellung, unter zwangsläufig schlechten hygienischen und sozialen zuständen mit massenhaft anderen angespannten und gestressten menschen ohne private rückzugsmöglichkeit in einem zimmer eingesperrt zu sein, womoglich ein eingezäuntes gelände überhaupt nicht mehr verlassen zu dürfen – diese vorstellung ist für amsel ein absoluter alptraum… warum darf das anderen menschen ohne weiteres zugemutet werden?
noch weiter am rand des öffentlichen (und auch amsels privaten) wahrnehmungs-monitors: die situation der geflüchteten z.b. an den grenzen von griechenland, die mal kurz thema wurde, bevor das große C die öffentliche diskussion praktisch komplett übernommen hat.

das andere thema, was durch amsels gehirngänge rutscht und purzelt, ist die frage nach den politischen, emotionalen, sozialen und „spirituellen“ auswirkungen, die die C-zeit nach sich ziehen könnte.
amsel war am anfang beflügelt von der idee, daß die erzwungene entschleuningung und der stillstand viele menschen zum nachdenken bringen könnte, was ihnen eigentlich gut tut und was in ihrem leben wirklich wichtig ist. amsel hatte die hoffnung, daß menschen auch nach dem großen C manches von dem positiven, was diese zeit ihnen gebracht hat, aus ihrem leben nicht wieder verlieren wollen und sich einem „weiter wie vorher“ verweigern und auf veränderung drängen. und es bewegt amsel, gerade wieder ein überall positiv gewertetes und propagiertes „wir schaffen das“ zu spüren, wie es das 2015 gab (und was danach in mißkredit geriet, siehe amsels blogartikel 2015).

gestern beim gang vorbei an den vielen gerade v.a. parkenden suv‘s verflüchtigte sich dann zeitweilig der penetrante optimismus – diese überdimensionierten sprit- und platzfresser verstimmen amsel grundsätzlich immer und lassen sie oft deprimiert und ratlos zurück.
amsel fragte sich in diesem moment, ob nicht womöglich sehr viele menschen mit einem geradezu hyperaktiven bedürfnis, alles möglichst schnell wieder zu „normalisieren“, zu kompensieren und nachzuholen… aus dieser C-zeit gehen werden und sie auf keinen fall als einschnitt, wendepunkt annehmen und persönliche veränderungen in gang setzen wollen?

interessant und inspirierend fand amsel anstöße aus der virtuellen, interaktiven tagung von „pioneers of change“ von vivian dittmar und martin felber, welche parallelen (und unterschiede) es zwischen den beiden C-krisen (corona und climate) gibt. sehr nachdenklich machten amsel dittmars ausführungen, wie schnell – und wie breit gesellschaftlich akzeptiert – die regierung aus gründen des gesundheitsschutzes weitreichende massnahmen verabschiedet hat, die massiv in den alltag und die bewegungsfreiheit etc. von allen eingreifen und auch die wirtschaft stark betreffen (die zum ausgleich finanzielle unterstützung erhalten soll). vivian dittmar weist treffend daraufhin, daß dagegen schon wesentlich weniger drastische massnahmen, die eine entscheidende wirkung hätten, um der klimakrise entgegenzusteuern, als absolut indiskutabel und nicht gesellschaftlich durchsetzbar erscheinen. sie thematisiert dabei gleichzeitig das problem der eingeschränkten bürgerrechte wie auch der frage, was wie politisch durchgesetzt werden kann und darf.

spannend war für amsel auch zu erfahren, daß es sich bei corona um eine sogenannte zoonose handelt, d.h. der virus ursprünglich zu einer wilden fledermausrasse gehört. über einen zwischenwirt konnte das virus wohl auf den menschen überspringen, weil die lebensräume beider tiere immer mehr dezimiert werden, sie also ihre lebensräume näher zur menschlichen zivilisation verlagern müssen und diese tiere zudem auch gefangen und verkauft werden. so konnten die viren also aus der „wildnis“, wo sie keinerlei probleme verursachen, in die „zivilisation“ gelangen und haben durch das überspringen auf den menschen eine seuche ausgelöst.
amsel fasziniert dabei nicht die idee einer art gerechten„strafe“ für menschliche schandtaten (wie z.b. zerstörung von lebensräumen und wildtierhandel). vielmehr beruhigt es amsel, daß eine recht einleuchtende erklärung jenseits aller gerade umlaufenden verschwörungstheorien gibt, warum und woher plötzlich so ein virus auftauchen und sich ausbreiten kann. gleichzeitig beunruhigt dieses wissen amsel, weil klar ist, daß so etwas jederzeit wieder vorkommen kann – denn in dieser hinsicht ist amsel eine abgrundtiefe pessimistin, sie glaubt nicht, daß sich an geldgier und rücksichtslosigkeit von menschen (u.a. gegenüber tieren) so schnell und grundsätzlich etwas ändert. schwein muß sein (oder anderes, auf dem teller).

während amsel sitzt und tippt, schwappt durch das fenster einmal kurz die abendliche welle von applaus für ärzt*innen, pfleger*innen und verkäufer*innen herein, diesmal ohne ein anschließendes trompetensolo von „freude schöner götterfunken“.
amsel ist froh, daß es neben symbolischen und charity-aktionen und salbungsvollen politiker*innenworten mittlerweile auch viele konkrete initiativen und handfeste politische forderungen und kampagnen zum mitmachen gibt, so z.b. auch danach, die menschen u.a. im gesundheitswesen endlich besser zu entlohnen oder eine petition für ein bedingungsloses grundeinkommen während der coronakrise.
amsel freut sich über solche initiativen, wie auch über die vielen kleinen lokalen vernetzungen zur gegenseitigen unterstützung – all das zusammen mit vielen einzelnen bewegten menschen wird vielleicht doch dazu führen, daß nach dem grossen C nicht einfach alles wieder „wie früher“, sondern vielleicht anders und ein bißchen besser wird – wenn alle, denen veränderungen wichtig sind, auch entsprechende bewegung anstoßen.

dass es möglich ist, dinge politisch und wirtschaftlich sehr schnell grundsätzlich ganz anders zu organisieren, wenn es für wichtig genug befunden wird, zeigt uns diese zeit: luxuskonzerne liefern plötzlich desinfektionsmittel statt edelparfüms. bekleidungsfirmen können auch atemmasken nähen. sogar autokonzerne sollen nun beatmungsgeräte produzieren.
all das geht so schnell, daß amsel sich verwundert die augen reibt. nicht, daß amsel hier für eine diktatorische art zu regieren plädieren will – amsel ist über diese durchsetzbarkeit auch erschrocken und unbehaglich beim anblick von polizeiautos im park, die kontrollieren, ob alle sich auch maximal zu zweit unterhalten… dennoch, dieses „man muß es nur wollen“ und „wenn man die gefahr ernst nimmt, heißt das, dies muß geschehen“ ist schon sehr stark. gerade angesichts dessen, daß sonst so gern mit vermeintlichem bedauern die hände gehoben werden und es so oft heißt, das geht auf keinen fall, sonst bricht hier alles zusammen (sei es bei der reduzierung von schädlichen abgasen, von lärm, von müll wie auch von gerechteren lebens-, arbeits- und einkommensverhältnissen).

diese zeit läßt viele menschen spüren, wie es sich anfühlt, wenn das leben weniger tempo hat, wir nicht so viel konsumieren können, mehr zeit haben und stärker auf uns selbst geworfen sind.
wer in einer dysfunktionalen oder gar gewalttätigen beziehung lebt (sei es als kind oder erwachsener) für den ist diese zeit ein alptraum, da die enge und der druck ohne ausweichmöglichkeiten vermutlich alles verschlimmern und eskalieren läßt. wer ohnehin in not ist, dem geht es jetzt vielleicht noch schlechter. wer in einem bereich arbeitet, wo alles am laufen gehalten werden muß, dessen leben ist vielleicht sogar viel stressiger und arbeitsvoller als sonst.

aber alle diejenigen, die gerade nicht unter mehr druck als sonst stehen, sondern stattdessen zeit zum durchatmen haben: wir können unsere zeit, unser vielleicht sogar geschärftes empfinden genau in diesem moment, nutzen, um auf gesellschaftliche veränderung zu drängen. alle mißstände, die uns vorher gestört haben, gibt es doch immer noch!
amsel fürchtet sich davor, daß die öffnung, die sich gerade zeigt, die sichtbarkeit, spürbarkeit anderer optionen im leben, sich womöglich rasend schnell schließt, wenn das große C abflaut. alles wird dann auf „wir müssen jetzt die wirtschaft schnell ankurbeln“ ausgerichtet sein, das ewige totschlagargument, ist es nicht jetzt schon absehbar?

amsel will sich nicht nur täglich mehrmals informieren über das große C und das befinden von ihren lieben. amsel will den freiraum nutzen, um ihre meinung zu äußern, darauf hinzuweisen, was ihr wichtig ist. wir können diese gelegenheit nutzen, um zu teilen, zu schreiben, zu sagen, was wir selbst aus dieser zeit lernen wollen und uns an gesellschaftlicher veränderung wünschen. wir können uns von anderen inspirieren lassen, vielleicht können wir umgekehrt auch andere inspirieren, ermutigen, positiv anstoßen… nicht zuletzt können wir auch entscheidungsträger*innen, institutionen etc. mit nachdruck darauf hinweisen, wo wir endlich politische bewegung sehen wollen. amsel will alle klarheit und energie, die sie gerade hat, verwenden, um gut für sich zu sorgen – und das bedeutet für amsel auch, auf veränderung zu drängen bei dem, was sie in dieser gesellschaft schon lange „krank macht“.

ansonsten: frühling. der schert sich nicht um‘s große C. (siehe auch „kastanien“).

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